Archiv für April 2012

Ausgabe 8/2012

Servus liebe Kolleginnen und Kollegen,

Es ist wieder kurz vor dem 1. Mai und dazu sind noch Tarifverhandlungen. Die Gewerkschaften machen wieder auf kämpferisch und wir sollen mitspielen. Aber dieses mal spielen wir nicht so mit, wie sie es verlangen! Deshalb gleich zu Beginn der Aufruf:

Nehmt keine IG-Metall Materialien auf den wahrscheinlich kommenden Warnstreik her! Wir sind keine Marionetten der verräterischen Gewerkschaft, die uns genauso wie der Betriebsrat immer wieder hintergeht. Wir wollen mehr, weil wir es verdient haben, aber wirklich mehr. Keine weiteren Spielchen!! Wir betonen es auch immer wieder, wir wollen nicht spalten, sondern klar stellen, dass wir hinter euch (Gewerkschaft und Betriebsrat) stehen, wenn ihr euch für uns auch wirklich einsetzt, was ihr aber leider nicht macht!

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Kommt auch zur 1. Mai Demonstration und beteiligt euch am klassenkämpferischen Block! Es ist wichtig zu zeigen, dass wir da sind. Aber wie oben schon erwähnt, sind wir nicht die Marionetten der Gewerkschaft!

Dazu unten mehr und nun weiter mit Themen zu unserem werksinternen Geschehen. Wir haben schon das letzte mal unsere Position deutlich gemacht und werden es auch dieses mal machen: Weg mit den Betriebsräten, die den weiteren Personaleinsparungen und dem 8 Stunden-Tag zugestimmt haben! So verlangen wir das auch von den Chefs, die erst auf so eine Idee gekommen sind! Was glaubt ihr eigentlich was wir sind, Maschinen?!? Es reicht! Wie könnt ihr das noch mit eurem Gewissen vereinbaren? Gerade der Betriebsrat, der gerne mal vorbei kommt und „servus“ sagt. Aber scheinbar können sie nur das. Eine Frechheit, was ihr euch da leistet! Mit Arbeitgebervertretung hat das nichts mehr zu tun! Täglich sollen wir bei immer weiteren Einsparungen noch 1 Stunde zusätzlich für umsonst arbeiten. Wir kommen kaputt nach Hause und sollen darüber noch froh sein…

Kommen wir zur letzten Betriebsversammlung. Leider ist es scheinbar nicht nur eine Informationsveranstaltung sondern auch eine Werbeveranstaltung. So wurde Werbung fürs Autoleasing von PKW’s des VW Konzerns mit den Worten „gut“ und „rechnet sich“ gemacht. Aber Hauptsache wir geben unseren Lohn dem neuen Mutterkonzern VW gleich wieder zurück… Es wurde auch das Projekt 2020 angesprochen, mit dem es bis zum Jahr 2020 geschafft werden soll, an die weltweite Spitze der LKW Hersteller zu gelangen. Fragt sich nur, mit welchen Mitteln. Weil mit den dauernden Einsparungen vor allem im Personal, ist es fraglich, wie lange noch der Qualitätsstandart gehalten werden kann. Sollte das Ziel erreicht werden, will der Betriebsrat dann erst rechtzeitig für eine angemessene Gewinnbeteiligung sorgen. Wenn die aber genauso ausfällt und gefeiert wird wie die jetzige, so ist es für uns auch nichts neues wieder über den Tisch gezogen zu werden. Wir haben 2011 ein Rekordgewinn erzielt, aber bei weitem nicht bekommen, was uns eigentlich zu stehen würde! Da müssen wir auch gleich nochmal nach haken, wenn es um die Diskussion über jetzige Ergebnissausschüttung geht. Der Betriebsrat meinte es wäre historisch, eine so hohe Menge zu bekommen, weil es dieses mal nicht an der Rendite gekoppelt wäre, sondern höher als diese ist. Aber genau das war doch eben der Fehler, 1,5 Milliarden Euro Gewinn sind 1,5 Milliarden Euro Gewinn und die haben wir erwirtschaftet! Und dass das der Gewinn der Gesamt-MAN ist und nicht nur der, der Truck & Bus AG ist uns auch egal! Nicht zuletzt der Betriebsrat spricht immer von einer(!) MAN. Und wenn es um MAN Roland geht, geht es um die Solidarität zwischen uns Kolleginnen und Kollegen. Also haben wir alle im MAN Konzern mehr als 56,7% verdient! Es wurde auch gesagt, dass 180 Mitarbeiter_innen mit einem 1 Jahresvertrag unbefristet übernommen wurden und das 100 ehemalige Leiharbeiter_innen einen befristeten Vertrag bekommen. Das finden wir gut! Doch hätten die befristeten Verträge nicht sein müssen, weil sich die Mitarbeiter_innen schon unter ihrer Zeit als Leiharbeiter_innen lange genug beweisen konnten. Und genug sind diese 180 neuen Mitarbeiter auch nicht, das müssen noch viel mehr werden (aber keine über Leihfirmen!)! Alleine schon, weil in den nächsten Jahren einige in Rente gehen werden. Ein weiterer Punkt war die Anzahl der neuen Azubis bei uns im Werk München. Es wurde von 150 neuen Azubis gesprochen, das ist sehr gut! Aber das Lügen muss trotzdem nicht sein, denn „dieses mal mach ma es ganz anders, dieses mal geben wir die Zahl vor“, ist nicht das erste mal gewesen. Machst das, gebt die Zahl selber vor, aber feiert euch doch bitte nicht jedes mal so viel selbst, danke!

Wir müssen zum ersten mal einen Fehler bekannt geben, der uns in der letzten Ausgabe unterlaufen ist. Wir haben geschrieben, ihr sollt die Leute eures Vertrauens bei der Wahl der Vertrauenskörper wählen. Das haben auch viele gemacht, vor allem wenn die Zahlen über die Wahlbeteiligung stimmen. Aber was wir leider nicht früh genug gesagt haben war, dass die Wahl eine große Mogelpackung ist. Auch wenn sie ordnungsgemäß war, war sie nicht wirklich demokratisch! Es konnten nur IG-Metall Mitglieder von IG-Metall Mitgliedern gewählt werden. Außerdem wurden Leute z.B. aus einer gesamten Halle für die gesamte Halle gewählt und nicht wie es früher war, von und für die einzelnen Abteilungen. Damit konnten einerseits einige Kolleginnen und Kollegen weder wählen noch gewählt werden, noch wird jetzt jede Abteilung vertreten. Es wird wohl so sein, dass der Betriebsrat mehr Macht an sich binden will und die nicht Mitglieder der IG-Metall damit zwingen will, Mitglied zu werden, um wenigstens ein bisschen Mitspracherecht zu erhalten. Aber damit nicht genug, so werden die Vertrauensleute jetzt mehr als Verbindungsleute zwischen Arbeiter_innen und Betriebsrat gesehen und nicht als direkte Vertreter_innen der Kollegen bei z.B. Streitfragen direkt am Arbeitsplatz. Das stellt eine Verschlechterung des demokratischen Mitspracherechts von allen Arbeiter_innen dar! Deshalb muss dieses System wieder geändert werden! Jede_r sollte Vertrauenskörper sein können und von allen Kolleginnen und Kollegen aus der eigenen Abteilung gewählt werden können. Diese sollen sich dann alle 2 Wochen, von der Arbeit freigestellt, ohne Betriebsrat in einem von der Firma gestellten Raum treffen können, um über Probleme aus den einzelnen Abteilungen, sowie gemeinsame Probleme diskutieren zu können und gemeinsame Lösungen zu finden!

Nun nochmal zum wohl ab nächster Woche kommenden Warnstreik. Wir haben schon oben unsere Meinung klar gesagt. Wir wollen mehr und wir haben keine Lust, dass es wieder Endet wie 2008. Damals wurde geschrien 8% und nicht weniger. Was gabs? Nur 4,2%. Die Verdi hats vor gemacht, 6,5% verlangt und 6,3% bekommen. Und nicht weniger verlangen wir auch! Leider müssen wir wohl mit weniger rechnen. Die IG-Metall rechnet mit einer harten und Streikreichen Tarifrunde und die Ergebnisse aus den letzten Jahren waren auch nicht toll. Die Arbeitgeber_innen haben jetzt ihr erstes Angebot von 3% mehr Lohn auf den Tisch gelegt. Deshalb ist es auch wichtig zu zeigen, dass wir da sind! Ob zum 1. Mai auf der Gewerkschaftsdemonstration oder beim Warnstreik. Aber nicht mehr als dummes Marionettenvolk der Gewerkschaft, sondern als kämpferische Arbeiter_innengemeinschaft! Deshalb ohne IG-Metall Sachen auf die Straße und am 1. Mai rein in den klassenkämpferischen Block, der im hinteren Bereich der Demonstration geht!

Schauen wir mal hinter die Themen des neuen Tarifvertrags, geht es mittlerweile um viel mehr. Es geht z.B. um die 35 Stunden-Woche, die uns nicht nur in der MAN geklaut wird! Wir arbeiten immer öfter 40 Stunden ohne Lohnausgleich! Es wird immer mehr Personal eingespart oder durch Leiharbeiter_innen ersetzt. Es geht eben schon ums Ganze! Unsere Arbeitsverhältnisse werden schleichend wieder verschlechtert. Und deshalb müssen wir, wie auch in anderen Ländern schon der Fall, auch hier endlich unsere Stimme erheben! Ob in der Fabrik oder auf der Straße, es geht um unser Leben, unsere Gesundheit, unsere Zukunft, sowie die Zukunft unserer Kinder!

Deshalb fordern wir zum 1. Mai:

30 Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich

Mindestlohn für alle von 12 Euro pro Stunde

Auflösung von Leiharbeitsfirmen

Arbeitserlaubnisse für alle die arbeiten wollen

Kein weiterer Abbau von Arbeitsplätzen

Überzeugt auch die Kolleginnen und Kollegen, dass es auch für sie wichtig ist zu kämpfen!

Wir sehen uns auf den Demonstrationen und Streiks!


Warum arbeiten gehen nicht reich macht:

Arbeitgeber_innen stellen Menschen nur dann ein, wenn es sich rentiert. Das heißt, wenn sie mehr als das Gehalt -also was der/die Arbeitnehmer_in dem Unternehmen kostet- am Ende des Monats wieder einnimmt. Denn der/die Arbeitnehmer_in muss nämlich auch die ganzen Arbeitsmaterialien sowie das Gebäude usw. mit finanzieren. Und am Ende wollen die Chefs und bei Börsennotierten Unternehmen auch die Aktionäre noch möglichst viel Gewinn in die eigenen Taschen fließen lassen. Also nochmal zusammengefasst, wir Arbeiter_innen erarbeiten nicht nur unseren Lohn, sondern auch die Kosten unseres Arbeitsplatz und den Gewinn der Chefs und Aktionäre.

Gerade größere Unternehmen bzw. Konzerne erwirtschaften oftmals Milliarden Euro an Reingewinnen, weil sie viele Menschen haben, die für sie Arbeiten. Und gerade in den Fabriken, wo viele Menschen auf wenig Platz arbeiten, sind die Kosten für Arbeitsmaterialien gering, sodass dieser Kostenfaktor schon mal sehr reduziert ist. Denn viele Menschen benutzen z.B. den selben Schrauber, die selben Toiletten, es kann großflächig geheizt und beleuchtet werden, was viel Strom spart usw.. Planer und Ingenieure arbeiten zusätzlich immer weiter daran, diese Kosten sowie Mitarbeiter_innen zu sparen, um noch billiger produzieren zu können. Somit lässt sich schon alleine durch diesen Umstand mehr Gewinn erzielen. Den Gewinn aber bekommen nicht wir, die ihn produziert haben, sondern andere. Und wenn jetzt wer sagt, es gibt doch eine Gewinnbeteiligung, dem/der können wir nur sagen, dass 56,7% gerade für uns Arbeiter_innen in den Hallen und Werkstätten gegenüber fast 1,5 Milliarden Euro Gewinn von der Gesamt-MAN eine Frechheit ist! Und was wir auch nicht wissen ist, ob weltweit alle MAN Mitarbeiter_innen 56,7% bekommen. Und niemals zu vergessen sind die unzähligen Mitarbeiter_innen, die bei uns unter Leihverträgen oder von Fremdfirmen arbeiten. Auch sie haben dazu mit beigetragen, dass die MAN Gewinn gemacht hat. Sie aber bekommen keine Gewinnbeteiligung.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir das Geld für unseren Alltag ausgeben müssen. Zusätzlich wird uns durch Werbung und Medienmanipulation gesagt, wir bräuchten immer die neusten Handys, neue Autos, sollen so und so leben und dieses und jenes konsumieren. Dass bei all dieser Gehirnwäsche unser Geld noch schneller weg geht, ist eigentlich kein Wunder. Und wer doch spart, um irgendwann sein Haus für ein unabhängigeres Leben ab zu bezahlen, der/die muss aber dann auch wirklich an allen Ecken und Enden sparen. Wir sind also gezwungen uns kaputt zu arbeiten, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Dann wird uns noch gesagt, wir sollen doch froh sein, dass wir eine Arbeit haben…

Auch wenn die meisten von euch das schon wissen, so denken wir, ist es gut euch das nochmal mit diesem kurzen Text vor Augen zu führen. Denn der Kampf um Gerechtigkeit wird wichtiger denn je. Wir wollen nicht für ihren Reichtum arbeiten, sondern für unseren Wohlstand! Wir wollen auch nicht für die angebliche Krise der Kapitalisten zahlen! Der Kapitalismus selbst ist die Krise, wir sind es nur die sie ausbaden müssen, gewinnen tun immer noch die nur selben Schweine!


Blick über den Tellerrand

Weil es zeitlich gerade gut passt, ein weiterer Blick nach Tunesien, wo zu sehen ist, wie stark eine Gewerkschaft sein kann und wie wichtig es ist, dass die Basis, also wir Arbeiter_innen aktiv hinter ihnen stehen:


Attacken gegen Gewerkschaft führen zu Massenprotesten tunesischer Arbeiter_innen

Seit beginn des Jahres sind mehrere Büros des tunesischen Gewerkschaftsbundes UGTT angegriffen, geplündert, niedergebrannt, mit Brandbomben beworfen oder Ziel von Vandalismus geworden.

Es kam auch dazu, dass Müll vor einzelnen UGTT-Geschäftsstellen abgeladen wurde. Derlei Vorkommnisse wiederholten sich in diversen Regionen des Landes nicht zufällig, nachdem am Montag, 20. Februar, ein dreitägiger Generalstreik der in der UGTT organisierten Kommunalbeschäftigten, darunter auch der Müllwerker_innen, zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und Löhne begonnen hatte.

Vor dem örtlichen Büro der Gewerkschaft in Feriana, im Gouvernorat Kasserine, forderten einige der Angreifer_innen den Ortsvorsitzenden der UGTT auf, das Büro zu öffnen, und drohten damit, es andernfalls nieder zu brennen. Letztlich wurde das Büro geplündert und angezündet. Offizielle Dokumente der Gewerkschaft gingen dabei in Flammen auf. Die Hauptgeschäftsstelle in Tunis wie auch verschiedene Büros der UGTT von Regional- und Ortsverbänden – so etwa in Monastir, Kairouan, Kebili, Ben Arous, Douze, Thala, La Manouba und Nabeul – wurden Ziel ähnlicher Angriffe

Die beschriebenen vorsätzlichen und feindseligen Attacken zielen darauf ab, die Arbeiter_innen-Opposition, die der neuen Regierung gegenübersteht, kaputt zu machen. Die kapitalistische Politik der Regierung zielt auf die Wiederherstellung der „Ordnung“ ab, die auf Kosten von Rechten und Lebensbedingungen der Mehrheit der Tunesier_innen vonstatten gehen soll, welche den Kern der Revolution bildeten. Es handelt sich dabei um eine berechenbare Offensive des neuen herrschenden Establishments und ihrer Gangsterbanden, die danach trachten, die UGTT unter die Knute des arbeitnehmerfeindlichen Regimes zu stellen.

Wenn Angriffe gegen Einrichtungen der UGTT gefahren werden, so ist das höchst bedeutsam. Schließlich war die Gewerkschaft immer schon eine Art Schutzraum gegen die in der Vergangenheit von den verschiedenen autoritären Regimes in Tunesien ausgeübte Repression. Die Untergliederungen der UGTT haben eine entscheidende Rolle in der Massenbewegung gespielt, die die Diktatur von Ben Ali zu Fall brachte. Vor allem zu Beginn der Revolution waren es die Gliederungen der UGTT in den unterschiedlichen Regionen, die die ersten Mobilisierungen durchführten.

Und jetzt hat das tunesische Regime – diesmal hinter der Fassade einer „demokratisch“ gewählten Regierung – erneut entschieden, eine Offensive zu starten und den Versuch zu unternehmen, seine größte Bedrohung einzuschüchtern: die organisierte Arbeiter_innenklasse. Die momentane Regierung zieht es in der Tat vor, die Interessen ihrer Milliardärsfreunde aus Katar zu befriedigen statt die sozialen Bedingungen der eigenen Bevölkerungsmehrheit zu verbessern.

Ende Januar erklärte Sadok Chourou, ein prominenter Kopf von „Ennahda“, in der Nationalversammlung, dass die Streikenden „die Feinde Gottes“ seien. Er hat offen erklärt, dass die beste Lösung zur Beendigung der andauernden Streiks und Sit-ins Gewalt sei. Indem er eine Sure aus dem Koran zitierte, schlug er das Mittel der Hinrichtung, Kreuzigung und des Abhackens einer Hand oder eines Beins vor.

Das ist alles, was die reichen Führungspersonen von „Ennahda“ als Antwort auf die Leute parat haben, die für ein Ende ihrer gefährlichen und gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen kämpfen. Vor allem betrifft dies die Müllwerker_innen, die eine wichtige Rolle dabei spielen, für Sauberkeit in den Städten und Wohnvierteln zu sorgen.

Zwar müssen die Verantwortlichen für die barbarischen Angriffe ausfindig gemacht werden. Darüber hinaus muss aber eine umfassendere Frage Beantwortung finden, die auf die Tagesordnung gebracht wurde: Die Frage nämlich, wie die Arbeiter_innenbewegung gestärkt werden kann und solch konterrevolutionäre Angriffe in Zukunft verhindert werden können.

Mitte Februar haben – wie in Bizerte – bereits einige örtliche Demonstrationen gegen diese Angriffe stattgefunden. Für Samstag, 25. Februar, wird zu einer großen Demonstration unter dem Motto „Alle zusammen mit der UGTT gegen die Gewalt“ aufgerufen. Das CWI unterstützt diese Initiativen voll und ganz. Wir meinen aber auch, dass wesentlich energischere Antworten nötig sein werden. Diese Attacken finden in der Tat in einem größeren Kontext zunehmender Drohgebärden, Gewalt, Repression und Einschüchterung gegen politische Aktivist_innen, Organisationen und Verbände, gegen Frauen und all jene statt, die den Fortschritt repräsentieren und den Kampf für eine bessere Zukunft.

Ein breiter eintägiger Generalstreik könnte der Situation wirklich den Stempel der Arbeiter_innenbewegung aufdrücken und ihre Stärke zum Ausdruck bringen. Das würde allen Unterdrückten, die hartnäckig über Monate hinweg gekämpft haben, neuen Auftrieb geben. Allen auf lokaler Ebene durchgeführten Streikaktionen und Protesten würde es neuen Schwung verleihen und sie würden in einer kraftvollen und landesweit organisierten Antwort vereint, was für alle Feinde der Arbeiter_innenklasse wiederum als Warnung vor weiteren Aktionen und als anschauliches Lehrstück dienen würde.

Attacken der Regierung gegen die Gewerkschaften verleihen dem Kampf in Tunesien neuen Auftrieb
„Keine Angst mehr! Die Macht liegt in den Händen des Volkes!“ Zehntausende fordern Sturz der Regierung

Bericht zur Demonstration am 25. Februar:

Am Samstag, dem 25. Februar, als tausende von Menschen im Zentrum von Tunis a
uf die Straße gingen, kam es zur größten Zurschaustellung der Stärke der revolutionären Massen seit Monaten. Anlass dafür waren die in den vergangenen Tagen gegen den Gewerkschaftsbund UGTT verübten Gewaltakte in verschiedenen Teilen des Landes. Bei diesen koordinierten Angriffen handelt es sich um den Versuch, die Widerstandsfähigkeit der Gewerkschaft gegen die reaktionäre Agenda des neuen, pro-kapitalistischen und von der religiösen Partei „Ennadha“ geführten Regimes zu zerstören. Stattdessen aber hat das die Menschen auf die Straße getrieben, um ihre Rechte und ihre Revolution zu verteidigen.

Harsche Antwort auf das Vorgehen der Regierung
Der Protestmarsch begann mittags auf dem Mohammed-Ali-Platz, wo sich die Hauptgeschäftsstelle der UGTT befindet. Zuerst waren es hunderte, dann tausende und als der Platz zu klein für die immer größer werdende Menschenmenge wurde, strömte ein riesiger Demonstrationszug in Richtung der Bourguiba Avenue. Unter den Massen befanden sich Arbeiter_innen, Gewerkschafter_innen, Anhänger_innen der UGTT, linke Gruppen, junge Leute, MenschenrechtsaktivistInnen usw. Aufgrund der zunehmenden Einschränkung ihrer Rechte und Freiheiten war auch eine beträchtliche Anzahl an Frauen vertreten.

„Die Leute wollen den Sturz des Regimes“, „Demonstrationen und Konfrontation bis die Regierung zu Fall gebracht ist“, „Bürger, wacht auf! Die Regierung verkauft euch für dumm!“, „Ennahda raus!“, „Arbeitsplätze, Freiheit, nationale Würde“, „Lang lebe die UGTT“, „Hände weg von unserer UGTT“, „Die UGTT ist die echte Macht im Land“, „Keine Angst mehr! – die Macht liegt in den Händen des Volkes“, „Treue, Treue dem Blut der Märtyrer“. So lauteten einige der Sprüche, die die Protestierer_innen in einer kämpferischen und harschen Reaktion auf die Regierung skandierten. Letztere wird als Drahtzieherin hinter den Provokationen und vandalistischen Akten gegen Büros der UGTT vermutet. An der Spitze der Demonstration marschierten die Kommunalbeschäftigten, die sich seit vergangenem Montag in einem landesweiten Streik befinden.

Die UGTT, die von „zehntausenden von DemonstrantInnen“ sprach, liegt damit zweifellos näher an der Wahrheit als einige der regierungsfreundlichen Medien, deren, jede Aktion von Arbeiter_innen verunglimpfende Rolle keiner weiteren Erläuterung bedarf.

Am Ende der Demonstration kam es zu brutalen Übergriffen der Polizei sowohl gegen friedliche DemonstrantInnen als auch gegen eine Reihe von Journalist_innen und Passant_innen. Als der Demozug das unbeliebte Innenministerium erreichte, wurde der mittlerweile bekannte Spruch gerufen: „Dégage!“ („Raus mit ihnen!“). Die Polizei wurde zunehmend nervös. Gegen 15 Uhr, nachdem sich ein Teil der Demonstration bereits aufgelöst hatte, wurde die Menge mit Tränengas, Schlägen und verbalen Attacken überzogen. Kurz darauf folgte ein bereits bekanntes Muster: Polizeieinheiten fielen ein, setzten wahllos Gewalt ein und verletzten und verhafteten in den folgenden Stunden willkürlich die am Ort und in der Nähe und in den umliegenden Straßen befindlichen Leute.

Auf dem Blog eines Augenzeugen war zu lesen: „Bilder des Krieges im Zentrum von Tunis […] eine große Gruppe von Polizisten, darunter einige vermummte und mit Knüppeln bewaffnete, feuern Tränengas ab. Unglaubliche Grausamkeit. Verletzte Menschen, Frauen und Kinder drängen ins Krankenhaus „Charles Nicole“ […]. Eine erstickende Atmosphäre. Bislang halten die Zusammenstöße an und die Folterknechte dreschen im nachrevolutionären Tunesien unbehelligt und illegaler Weise auf einen friedlichen und genehmigten Protestzug ein.“

Der 1. Mai

Auch dieses Jahr werden wieder Millionen von Arbeiter_innen auf der ganzen Welt zum 1. Mai auf die Straße gehen. Wie jedes Jahr tragen wir damit einerseits unsere Belange an die Öffentlichkeit und feiern andererseits die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe. Bereits 1890 wurden der 1. Mai von der internationalen Arbeiter_innenbewegung zum „Kampftag der Arbeiterklasse“ ausgerufen und seitdem jedes Jahr überall auf der Welt begangen. Der Tag wurde gewählt, weil einige Jahre zuvor auf einer Arbeiter_innenversammlung in Chicago (USA) mehrere Arbeiter_innen willkürlich von der Polizei verhaftet wurden und anschließend grundlos zum Tode verurteilt wurden. Der 1. Mai ist also ein traditionelles Symbol des Kampfes gegen die Unterdrückung und Erniedrigung, der lohnabhängige Arbeiter_innen tagtäglich ausgesetzt sind. In Deutschland wurde der 1. Mai im Jahre 1919 nach der Novemberrevolution von der sozialdemokratischen und kommunistischen Mehrheit im Parlament zum ersten Mal zum Staatsfeiertag ausgerufen. Als die linken Parteien ihre Mehrheit bei den darauf folgenden Wahlen wieder verloren, wurde dieser Beschluss wieder aufgehoben. Die Nationalsozialisten machten den 1. Mai ab 1933 als „Tag der deutschen Arbeit“ scheinheilig wieder zum Staatsfeiertag – und begannen gleich darauf am 2. Mai 1933 mit der Zerschlagung der Gewerkschaften und der unabhängigen Arbeiter_innenorganisationen.

In der Bundesrepublik Deutschland ist der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ seit dem Krieg zwar auch ein offizieller Staatsfeiertag. Doch der Ursprung und Sinn des Ganzen wird dabei völlig verdreht – auch von den DGB-Gewerkschaften. Es kann für uns nicht darum gehen, die Lohnarbeit und die damit verbundene Ausbeutung zu feiern. Statt dessen sollte es darum gehen, für eine Gesellschaft einzutreten, in der wir Arbeiter_innen den Reichtum, den wir tagtäglich produzieren, endlich selbst behalten können und nicht an die Besitzenden abtreten müssen. Gerade in der jetzigen Wirtschaftskrise zahlen wir die Zeche für das Versagen des Kapitalismus, ob nun unsere Gehälter gekürzt werden, soziale Rechte und Leistungen abgebaut werden, oder ob wir gleich arbeitslos werden. Der verheerenden kapitalistischen Logik müssen gerade am 1. Mai Werte wie Freiheit, Solidarität, Gleichheit und radikale Demokratie entgegengehalten werden, um die Ausbeutung eines großen Teils der Menschheit endlich zu beenden.
Nur mit der vereinten Kraft von uns allen, ob schwarz oder weiß, Mann oder Frau, alt oder jung, fest oder auf Leihbasis angestellt, erwerbstätig oder arbeitslos, kann sich einmal wirklich etwas ändern! Beteiligen wir uns in diesem Sinne alle gemeinsam an den Aktivitäten zum 1. Mai in München, um ein starkes Zeichen zu setzen!

Schreibform mit Unterstrich

Wie euch schon aufgefallen ist, benutzen wir z.B. die Schreibform mit Unterstrich, mit der weiblichen Endung _in. Damit beziehen wir die weibliche Form bei sonst nur männlichen Formen von Wörtern mit ein. Das heißt z.B. „Arbeiter_in“. Hier ist der Arbeiter sowie die Arbeiterin gemeint. Da es aber auch Menschen gibt, die – aus welchem Grund auch immer – nicht in eine Geschlechterform eingliedert werden wollen oder können, benutzten wir für diese auch den Unterstrich.

Termine:

Hinein in den klassenkämpferischen Block:
DGB-Demonstration zum 1. Mai
10 Uhr, vor dem Gewerkschaftshaus
Schwanthalerstraße 64, U-Bahnstation Theresienwiese U4/5