Archiv für Juli 2012

Ausgabe 9/2012

Servus, liebe Kolleginnen und Kollegen

der Streik liegt mittlerweile (weit) hinter uns. Und auch dieses mal kam es 3 Wochen nach dem ersten, bzw. 2 Wochen nach dem zweiten Streik wieder zu einer Tariflösung, die alles andere als „hart umkämpft“ beendet wurde (genau wie beim letzten, Ende 2008). Das Geschrei war mal wieder groß und alle Kollegen und Kolleginnen sollten das Gefühl bekommen, sie würden was großes bewegen, wenn sie vollgepackt mit IGM Material durch die Hallen laufen. Dazu muss auch gesagt werden, dass trotz der Bemühungen alle IG Metall Sachen zu boykottieren, zu viele Menschen etwas davon getragen haben. Da müssen wir konsequenter handeln! Nur wenn wir zeigen, was wir wirklich wollen und dabei konsequent und geschlossen als Kollegium handeln, können wir etwas erreichen. Naja und jetzt haben wir ja gesehen, was mal wieder aus dem Tarifkonflikt geworden ist. Dabei hat die IG Metall ja noch davor groß Stimmung gemacht, das würde der heftigste Tarifkonflikt der letzten (fast) 20 Jahre werden. Wie der Herr Dorn ins Mikrofon geschrien hat, das war einfach nur noch lächerlich! Bevor er versucht dem Arbeitgeber_innenverband anzubrüllen, sollte er lieber erst mal sein eigenes Haus sauber halten. In den letzten Jahren wurde so viel Personal an den Bändern abgebaut, dass noch nicht mal mehr ein ruhiger Toilettengang sicher ist. Wenn es schon an den grundlegenden Dingen im Betrieb mangelt, dann wird es höchste Zeit, dass der BR-Chef mal in seinen Reihen aufräumt, oder selbst seinen Stuhl räumt und mal zu uns an die Bänder kommt! Wie viele neue Mitglieder sie durch die Streikpropaganda gewonnen haben, wissen wir nicht. Aber eines ist klar, dass es so nicht weiter gehen kann und darf! Wir müssen als Kolleginnen und Kollegen selbst aktiver werden. In der IG Metall sitzen zu viele, die wie Kapitalisten denken. Und die können nicht unsere Leute sein, auf die wir uns verlassen können! Hinzufügen können wir auch, dass der Betriebsrat immer mehr der Aufgabe nachgeht, mehr Mitglieder zu bekommen. Die IG Metall konzentriert sich in den letzten Jahren immer mehr auf Großunternehmen und versucht dort eine 100% Quote zu erreichen. Das zeigt auch eines, es geht nicht mehr darum, für und mit den Menschen in diesem Land zu kämpfen. Nur mal so, früher waren 3 Gewerkschaften bei MAN Organisiert, jetzt hat sich eine der regierungsnahesten durchgesetzt. Und mit ihrem Ziel (100“ Quote), denkt sie auch schon wie ein Unternehmen: Mehr, immer noch mehr (Mitglieder und Geld).

Ein anderes Thema, das aber auch mit unserem Betriebsrat zu tun hat, ist die VW Übernahme. Jetzt hat uns VW komplett geschluckt und verändert auch gleich mal grundlegend die Führungsetage. Wie war das, „MAN bleibt MAN“? Jetzt sieht das allerdings nicht mehr so aus. Wenn Führungsetagen zusammengesetzt werden, dann ist das nur der Anfang einer viel größeren Umstrukturierung. Für unmöglich darf jetzt nichts mehr gehalten werden! Der nächste Schritt ist, dass MAN und Scania bestimmte Teile nicht mehr getrennt, sondern zusammen herstellen lassen. Das würde sehr viel Geld einsparen und VW noch weiter wachsen lassen, was sie auch vor haben. Damit kommen wir wieder zum Punkt, der Betriebsrat hat der Übernahme zugesagt und uns erzählt, MAN bleibt MAN. Wieder wurden wir verarscht. Und genau deshalb ist es wichtig, dass wir Solidarität zeigen wenn sie gebraucht wird, denn Solidarität ist unsere Waffe!!!

Nun, weiter haben wir nichts zu berichten. Denn unsere Analyse zur Betriebsversammlung lassen wir jetzt einfach mal weg, das immer gleiche blabla muss nicht immer kommentiert werden. Und um zu zeigen, wie eine Welt mit Solidarität und ohne Chefs aussieht, haben wir euch ein historisches Beispiel für den „Blick über den Tellerrand“ rausgesucht.

Das nächste mal gibt’s wieder mehr zu unserer MAN.

Wir wünschen jetzt schon mal allen einen schönen Sommer, mit oder ohne Urlaub!

Blick über den Tellerrand

Die heutige Ausgabe ist vor allem der Spanischen Revolution gewidmet. Wir haben ein Auszug aus einem längeren Text, der beschreibt wie sich das Leben der Menschen und vor allem der Arbeiter_innenklasse im Anarchismus entwickelt hat. Uns geht es vor allem darum, mit diesen Texten zu zeigen, dass es anders geht. Und, dass Selbstorganisation nicht zu Chaos führt. Den Menschen ging es damals besser denn je, weil sie gemeinsam und selbstbestimmt entschieden haben!

Wenn ihr den gesamten Text zu dem Ausschnitt lesen wollt, oder einen weiteren Text zu dem Thema, dann schaut doch auf unsere Internetseite unter „Blick über den Tellerrand“ auf www.werkerinfo.tk.

Kollektivierungen

Über die Kollektivierungen in Barcelona berichtet Augustin Souchy folgendes: alle Wirtschaftszweige wurden kollektiviert, die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln wurde von der Gewerkschaft der Nahrungsmittelindustrie übernommen- „vierzehn Tage lebte man in Barcelona ohne Geld. Die Bevölkerung wurde in öffentlichen Speisehallen von den Gewerkschaften gratis ausgespeist“. Die Wirtschaft wurde nach sozialistischen Gesichtspunkten sozialisiert, Kleingewerbetreibende schlossen sich in einem gewerkschaftlichen Produktionsverband zusammen, der ihre Löhne zahlte, „Unrentable Unternehmungen wurden niedergelegt oder mit anderen zusammengeschlossen.“ Die allgemeinen Löhne wurden erhöht, die hohen unproduktiven Gehälter der Direktoren etc. wurden abgeschafft. Bettler waren aus dem Straßenbild verschwunden, ihre Betreuung wurde von den Wohlfahrtsausschüssen der Gewerkschaft übernommen. Die Verkehrsbetriebe wurden in Arbeiterselbstverwaltung betrieben, die Abschaffung der Direktoren und deren Gehälter hatte zur Folge, daß die Löhne der Arbeiter erhöht, die Fahrpreise und die Arbeitszeit gesenkt werden konnten. Insgesamt funktionierte das Verkehrswesen nach der Kollektivierung, auch aufgrund einer Reduzierung des Verwaltungsaufwandes, erheblich besser als vor der Revolution. Ebenso war es mit dem Telefonwesen, nachdem die kriegsbedingten Schäden beseitigt und zahlreiche neue Leitungen verlegt waren. Die meisten Kollektivierungen fanden unter Federführung der CNT statt, aber auch die sozialistische Gewerkschaftsunion UGT beteiligte sich daran.
Auf dem Land, vor allem in Aragón, Katalonien, in der Levante und Kastilien wurde ebenfalls kollektiviert: die Grundbesitzer wurden verjagt und das Land wurde gemeinschaftlich bewirtschaftet. Die bäuerlichen Gewerkschaftsorganisationen der CNT und UGT hatten sich auf eine genossenschaftliche Bewirtung des Landes verständigt – allerdings bestanden sie auf die Freiwilligkeit der Beteiligten (eine Tatsache die Souchy ständig bemüht ist zu betonen). Um die Frage der Freiwilligkeit der Kollektivzugehörigkeit gab (und gibt) es erbitterten Streit, vor allem die Kommunisten betonten in ihrer Propaganda den Zwangscharakter, während von anarchistischer und sozialistischer Seite stets auf die Freiwilligkeit des Beitritts verwiesen wurde.
Fest steht zum einen, daß ohne die gewaltsame Vertreibung und Hinrichtung der Großgrundbesitzer (die vor allem der Anarchist Buenaventura Durruti und seine Kolonne durchführten) die Revolution überhaupt nicht stattfinden konnte, deswegen von Zwang für die Bauern zu sprechen ist aber wohl kaum statthaft. Zum anderen steht aber auch fest, daß der Widerstand gegen die Kollektive von Seiten der Bauern im Laufe des Krieges wuchs, dies ist aber im wesentlichen auf die kriegsbedingt schwieriger werdende Versorgungslage zurückzuführen.
In der Anfangszeit der Revolution konnten die Kollektivbetriebe jedoch durch das bloße Beispiel überzeugen – in den Kollektiven wurde ein höheres Lebensniveau erreicht, die Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung der einzelnen Mitglieder wurden verbessert, vorhandene Maschinen wurden effizienter eingesetzt (28), die Produktivität konnte erheblich gesteigert werden (!).
Einen Stimmungsbericht aus den Kollektiven in Aragon gibt der Augenzeuge Augustin Souchy: „Von den 4000 Einwohnern des Ortes Alcoriza, traten 3700 freiwillig der anarchosyndikalistischen Kollektive bei. (…) Die neue Gemeinde wurde auf freiheitlich kommunistischer Basis aufgebaut. Wein und Gemüse wurden gratis verteilt. Jeder erhielt davon, wieviel er wollte. Da Fleisch knapp war, gab es 150 Gramm täglich pro Person. Als man den Kommunismus einführte, verteilte man an jeden Kollektivisten ein Schwein und zwei Hühner. Damit hatten sie etwas für den eigenen Haushalt. Die Kaninchenzucht war frei. Das Geld war abgeschafft worden. Der Handel mit der ‚Außenwelt‘ lag in den Händen des kollektivistischen Wirtschaftsrates. Der Rat hatte eine Wurstfabrik errichtet, in der täglich 500 Kilogramm Wurstwaren hergestellt wurden. Die Würste gingen an die Front für die Milizionäre. Auch eine kleine Schuhfabrik und eine kollektivistische Schneiderei wurde eröffnet. Täglich wurden 50 Paar Lederschuhe und 100 Paar Zeugschuhe hergestellt. Auch davon ging ein großer Teil an die Front für die antifaschistischen Kämpfer. Bekleidungsstücke waren für alle vorhanden. Der kollektivistische Wirtschaftsrat hatte aus dem Erlös der verkauften Wurstwaren von den kollektivistischen Textilfabriken in Katalonien Stoffe gekauft. Die Kollektivschneiderei verfertigte gratis für die Männer Anzüge und für die Frauen Kleider. Niemand erhielt Lohn, doch niemand brauchte etwas kaufen. Alles was die Kollektivisten benötigten, erhielten sie von der Kollektive gratis. ‚Sagt mal, Genossen! Wenn da jeder einfach hingeht und sich holt, was er braucht, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen, kommt es da nicht zu Übertreibungen? Gibt es nicht welche, die diese Situation ausnützen?‘ ‚Hier kennt einer den anderen. Wir wissen sehr gut, wer etwas nötig hat und wer nichts braucht. Bis jetzt haben wir noch keinen Fall von habsüchtigem Egoismus gehabt. Wer darauf ausginge, die Kollektive zu betrügen, wäre in der Gemeinschaft unmöglich. Man würde mit dem Finger auf ihn zeigen. Für jeden erscheint es eine Ehrensache, in uneigennütziger Weise am gemeinsamen Werke mitzuarbeiten. Jeder bekommt was er braucht, solange etwas da ist. Vertrauen wird gegen Vertrauen gesetzt. Außerdem wird niemand gezwungen der Kollektive beizutreten. Unser Kommunismus beruht auf dem Prinzip der Freiheit. Wir zwingen keinem das neue System auf. Jeder kann unsere Handlungen in aller Öffentlichkeit kritisieren.“
Und weiter aus Calanda, ebenfalls in Aragon: „Von den 4500 Einwohnern des Ortes gehörten 3500 der anarchosyndikalistischen Organisation an. Sie haben ‚gleich nach der Bewegung‘ – wie sie sich ausdrücken und womit sie den 19. Juli und die darauffolgenden Tage meinen – ‚die alte Gesellschaftsordnung beseitigt und durch den Kollektivismus ersetzt‘. Das Geld wurde natürlich auch abgeschafft und alles nach sozialistischen Grundsätzen geordnet. Vor der ‚Bewegung‘ gab es nur Anarchisten im Orte. Nachher aber begünstigten die Anarchisten selbst die Bildung von republikanischen und sozialistischen Gruppen. Jeder soll zu seiner Freiheit und zu seinem Recht kommen … Zwischen den Kollektivisten und den Individualisten (die sich der Kollektive nicht angeschlossen haben, A.K.) herrscht gutes Einvernehmen. Der Ort hat zwei Kaffeehäuser. Eines davon gehört den Kollektivisten. Dort nehmen die Mitglieder der Kollektive ihren Kaffee unentgeltlich ein. Im anderen Kaffeehaus müssen die Individualisten ihren Kaffee bezahlen. Die Hauptproduktion des Ortes ist Olivenöl. Im vergangenen Jahre hatte man eine Ausbeute von 1750 Tonnen Olivenöl. Man baut auch Kartoffeln, Weizen und Wein an und züchtet Obst. Die syndikalistische Verwaltung ist sparsam. Die Überschüsse aus der Kollektive werden an die Gemeinde abgeführt. … Die Lebenshaltung der Bevölkerung hat sich nach der Kollektivierung gehoben. Die Landarbeiter hatten vorher nicht einmal die Mittel, um sich einmal wöchentlich rasieren zu lassen. Die Kollektive hat eine Rasierstube mit Haarschneidesalon eröffnet. Da kann jeder Kollektivist sich zweimal wöchentlich gratis rasieren lassen … Täglich werden vierzig Personen mit Kleidungsstücken verschiedener Art versehen. Jeder erhält, was er braucht. Arzt und Medizin sind gratis. Auch Briefporto wird von der Kollektive bezahlt. Der Stolz der Kollektive ist die neue Ferrer-Schule im ehemaligen Klostergebäude des Ortes. Vorher gab es nur acht Lehrer am Orte. Nur die Kinder der Wohlhabenden konnten zur Schule. Nach dem 19. Juli wurde das anders … Von der Lehrergewerkschaft aus Barcelona wurden zehn Lehrer angefordert. Schulmaterial wurde angeschafft, Bänke und Stühle von den Kollektivisten selbst freiwillig und kostenlos hergestellt. Nun können alle 1233 Kinder des Ortes die Schule besuchen … Der syndikalistische Gemeinderat beschloß, daß nunmehr keine Mieten mehr [zu zahlen sind] … Die Häuser werden von der Gemeinde verwaltet und Reparaturen auf Kosten der Gemeine, d.h. der Kollektive, vorgenommen. Wasser und elektrisches Licht sind für die gesamte Bevölkerung gratis, auch für die ‚Individualisten‘ … Die Feldarbeiten werden gemeinschaftlich organisiert. In Zehnergruppen ziehen die Kollektivisten jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit aus. Alle betrachten sich als Mitglieder einer großen Familie…“

Begriffserklärzung

Anarchismus:

Anarchismus (abgeleitet von altgriech. ἀναρχία anarchia ‚Herrschaftslosigkeit‘; Derivation aus α privativum und ἀρχή arche ‚Herrschaft‘) ist eine politische Ideenlehre und Philosophie, die Herrschaft von Menschen über Menschen und jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von individueller und kollektiver Freiheit ablehnt. Dem wird eine anarchistische Gesellschaft als freiwilliger Zusammenschluss von selbstbestimmten Individuen und Kollektiven entgegengestellt. Anarchie in diesem Verständnis bedeutet die Aufhebung hierarchischer Strukturen – bis hin zur Auflösung staatlicher Organisiertheit der menschlichen Gesellschaft.

Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung der Individuen und Kollektive Selbstverwaltung. Der Anarchismus wird in einem sozialrevolutionären Sinn von seinen Vertretern als Synthese zwischen individueller Freiheit wie im Liberalismus und sozialer Verantwortung für die Gemeinschaft wie im Sozialismus verstanden.

Schreibform mit Unterstrich

Wie euch schon aufgefallen ist, benutzen wir z.B. die Schreibform mit Unterstrich, mit der weiblichen Endung _in. Damit beziehen wir die weibliche Form bei sonst nur männlichen Formen von Wörtern mit ein. Das heißt z.B. „Arbeiter_in“. Hier ist der Arbeiter sowie die Arbeiterin gemeint. Da es aber auch Menschen gibt, die – aus welchem Grund auch immer – nicht in eine Geschlechterform eingliedert werden wollen oder können, benutzten wir für diese auch den Unterstrich.