Ausgabe 17/2014 + Streikaufruf Nr. 3

Streik! 28.4. – 2.5.14
Urlaub nehmen oder krank machen!
Weiter sagen – mitmachen!

Die Situation wird immer beschissener, aber auch gefährlicher – vor allem für die Kollegen_Kolleginnen in der LKW-Montage. In den 2 Osterwochen soll eine Stückzahl von 95(!) LKWs erreicht werden. Selbst vor Weihnachten waren es nicht einmal so viele und damals (das mussten auch Vorstände und Betriebsrat zugeben) war das schon eine „unmenschliche“ Arbeit, trotz Leiharbeiter_innen. Es kann nur einen Grund geben, warum wir eine so hohe Stückzahl fahren werden: es wird der Einschichtbetrieb getestet. Gerüchte über ein solches Vorhaben sind schon einige Jahre alt, aber dieses mal scheinen sie ernst zu machen. Wir haben nicht so viele Aufträge wie es manche glauben und der Hof steht auch voller LKWs. Auch in der Achsmontage wird weniger produziert als sonst. Wenn es wirklich zum Einschichtbetrieb in der LKW-Montage kommt, dann wird das sehr viele Arbeitsplätze kosten und den Stress für alle in der Halle massiv erhöhen!
Lasst uns dieses Vorhaben verhindern! Solidarisiert euch alle, egal aus welcher Halle – es kann uns alle treffen!

Wir rufen alle Kollegen_Kolleginnen der LKW-Montage dazu auf, auch in den 2 Wochen nicht zur Arbeit zu erscheinen und damit das Vorhaben zu sabotieren! Auch wenn es für viele Problematisch werden könnte, es immer noch besser jetzt zu kämpfen, als den Arbeitsplatz endgültig zu verlieren!

UPDATE: Die Stückzahl von 95 pro Schicht wurde auf 80 reduziert, was aber immer noch zu viel ist! Außerdem soll nicht 8, sondern sogar 8,5 Stunden gearbeitet werden. Das ist unverantwortlich!

Servus liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie sollen wir in diesen Zeiten noch mit schönen Worten beginnen, wenn es um unsere Gesundheit und Arbeitsplätze immer gefährlicher wird? Es werden immer noch Mitarbeiter_innen gekündigt und der Druck auf alle massiv erhöht. Was gerade in der LKW-Montage passiert ist mit nichts in den vergangenen Jahren zu vergleichen. Sie drohen mit einem längerem Bandstopp, falls die Qualität nicht besser wird und einer Vergabe der Aufträge an andere Werke. Auch wenn wir die Warnschüsse für Propaganda seitens der Vorstände halten, so ist die Situation dennoch alles andere als gut oder übersichtlich. Keine_r weiß genau, wie es weiter läuft, es wird uns immer nur Angst um unsere Arbeitsplätze gemacht. Eines ist klar, das Werk in München wird nicht schließen, kein Konzern kann es sich leisten das Mutterwerk aufzugeben. Aber Veränderungen wie ein Einschichtbetrieb in der LKW-Montage werden erhebliche Konsequenzen für uns alle im Werk haben! Wer soll in Zukunft noch Arbeiten (wollen), wenn ältere Arbeiter_innen die Arbeit nur aushalten, weil sie noch die Zeit bis zur Rente überbrücken wollen, ohne gekündigt zu werden und jüngere keine Lust mehr haben, weil sie wissen, dass sie bei dem Stress nicht bis zur Rente aushalten werden?! Wir sind moderne Sklaven geworden, die für bisschen Geld immer mehr aushalten müssen bis wir nicht mehr können, um dann ausgetauscht zu werden. Ein Leben neben der Arbeit ist bei einigen unter der Woche kaum noch denkbar. Viele wollen nur ihre Ruhe und entspannen, weil die Arbeit ihre letzte Kraft genommen hat. Wir müssen das ändern!

Zur Betriebsversammlung:
Euch ist bestimmt auch schon mal aufgefallen, wie viele Kollegen_Kolleginnen zum Teil weit vor dem Rentenalter jeden Monat sterben. Ist das wirklich noch normal/natürlich? Es sollte uns eine Mahnung sein! An die Verstorbenen: Ruht in Frieden!
Die Betriebsversammlung als Propagandamittel von Betriebsrat und SPD, internationaler Frauentag und Wahlveranstaltung. Wir sind für eine Gleichstellung von Mann und Frau, nein wir sind dafür dass das Geschlecht einfach keine Rolle mehr spielt! Aber was sollte das auf dieser Versammlung werden? Eine Kerstin Kuhfahl, die nur im Vorsand sitzt, weil ihr Lebensgefährte Jürgen Dorn heißt und bei den Wahlen nur eine zweite Tarnliste zugelassen wurde, damit Leute wie sie überhaupt eine Chance haben in den Betriebsrat zu kommen, erzählen uns was von fortschrittlich?! Schnell hat der Betriebsrat Quotenfrauen gefunden um dann gegen die Frauenquote zu lästern. Wir sind auch gegen eine Frauenquote, aber auch gegen 1-2 Quotenfrauen á la Kuhfahl! Abgesehen davon, dass wir überhaupt keine Lust haben von irgendeinem Menschen beherrscht zu werden. Dann der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter, der natürlich nur eingeladen war, weil er Wirtschaftsreferent war. Natürlich wollte man auch nichts von Wahlveranstaltung wissen, ihm nur ein wenig Glück wünschen und ihn reden lassen. Horst Lischka (der sich auch für die SPD hat aufstellen lassen) bescherte uns auch wieder eine grandiose Rede, zu der wir nichts sagen werden, weil inhaltslose Reden nur Zeitverschwendung sind.
Damit weiter zu Jürgen Dorn. Der hatte mal wieder Werbung für das Stimmungsbarometer gemacht, weil „wer mitwählt, kann auch mitreden“. Erstens die Befragung hat noch nie positive Veränderungen gebracht (warum auch, soll ja nur das Gefühl geben, eine Stimme zu haben) und zweitens, wir sind gegen personalisierte Umfragen, die können eine Gefahr für Mitarbeiter_innen sein. Außerdem zeigte er unverschönt seine zweite Seite als Manager für die MAN und VW. Wie kann ein Betriebsrat sagen, dass die Arbeiter_innen weiter anziehen müssen, obwohl er in der selben Rede selbst nochmal gesagt hat, dass es vor Weihnachten zu stressig war? Das Projekt M1 wird weitere Arbeitsplätze und Menschenleben kosten und dafür ist auch der Betriebsratsvorsitzende mit Schuld – Schluss mit dem Arbeitswahn! Der Kollege Saki hat dann erstmal mit Werbung für die SPD begonnen, was wir als große Enttäuschung sehen, da seine Reden in letzter Zeit eher besser geworden sind. Auch der Rest war nicht sehr berauschend und so war für uns dann schnell klar, warum die Versammlung genau auf diesen Tag gesetzt wurde: Frauentag und Stadtratswahl.
Der Vorstand hat dann noch eine Gewinnbeteiligung von knapp 20 Prozent verkündet, die jetzt durch den Betriebsrat um 10 Prozent erhöht wurde. Das sieht eher nach einem abgemachten Deal aus, bei dem sich die Konzernführung als dankbar und der Betriebsrat als einen würdigen Arbeitnehmer_innenvertreter fühlen kann. Jetzt sagen einige natürlich mal wieder „besser wie nichts“, aber wir sagen, dass es bei fast einer halben Milliarde Gewinn mehr hätte geben müssen. Und was bekommen unsere Kollegen_Kolleginnen aus den anderen Werken auf der Welt? Warum arbeiten manche immer noch 6 Tage in der Woche? Verdienen alle wirklich genug für ein einigermaßen würdiges Leben in diesem System?

In andern Werken wurde mittlerweile auch der Betriebsrat gewählt. In Salzgitter gibt es enttäuschte Gesichter, denn viel kann man nicht von den meisten neuen/alten erwarten. Wir wünschen allen nicht Betriebsnahen Kollegen_Kolleginnen viel Kraft im täglichen Kampf um ein würdiges Leben und einen guten Arbeitsplatz!
In Nürnberg steigt den Arbeiter_innen der neue Euro6 Motor zu Kopf. Der viel kompliziertere Motor soll natürlich mit höchstens genauso vielen Mitarbeiter_innen produziert werden, wie der Euro5. Das geht aber nicht und doch versuchen auch da die Vorstände mit aller Macht ihre Vorstellungen umzusetzen. Die Geschichte in Nürnberg ähnelt doch sehr der von uns im Münchner Werk. Vieles hat mit dem Projekt M1 zu tun. Ein Projekt, das unmöglich erscheint, aber ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter_innen umgesetzt werden soll. Wir sind Meilen davon entfernt, Daimler zu überholen. Aber vielleicht ist es auch nicht das Ziel bester LKW Hersteller zu werden, sondern MAN soll sich im Volkswagenkonzern gegen Scania behaupten, Vorstände Karriere machen und VW zu ihrem Ziel verhelfen, größter Automobilhersteller zu werden. Das wie schon geschrieben, auf Kosten der Mitarbeiter_innen. Auch auf dem Rücken der Kollegen_Kolleginnen von Scania, die diesen Sinnlosen Wahn dann auch beginnen müssen.

Wir hoffen auf eine erneute, große Beteiligung von euch allen, evt. sogar auch aus anderen Werken. Wir können nur zusammen für ein wirklich gutes Leben kämpfen und Solidarität ist unsere Waffe! Streik ist die einzige Sprache die sie verstehen, also sprechen wir eine deutliche Sprache, damit sie wissen, dass sie mit uns nicht machen können was sie wollen!
Sagt allen Bescheid, macht alle mit!

Der 1. Mai

Auch dieses Jahr werden wieder Millionen von Arbeiter_innen auf der ganzen Welt zum 1. Mai auf die Straße gehen. Wie jedes Jahr tragen wir damit einerseits unsere Belange an die Öffentlichkeit und feiern andererseits die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe. Bereits 1890 wurden der 1. Mai von der internationalen Arbeiter_innenbewegung zum „Kampftag der Arbeiterklasse“ ausgerufen und seitdem jedes Jahr überall auf der Welt begangen. Der Tag wurde gewählt, weil einige Jahre zuvor auf einer Arbeiter_innenversammlung in Chicago (USA) mehrere Arbeiter_innen willkürlich von der Polizei verhaftet wurden und anschließend grundlos zum Tode verurteilt wurden. Der 1. Mai ist also ein traditionelles Symbol des Kampfes gegen die Unterdrückung und Erniedrigung, der lohnabhängige Arbeiter_innen tagtäglich ausgesetzt sind. In Deutschland wurde der 1. Mai im Jahre 1919 nach der Novemberrevolution von der sozialdemokratischen und kommunistischen Mehrheit im Parlament zum ersten Mal zum Staatsfeiertag ausgerufen. Als die linken Parteien ihre Mehrheit bei den darauf folgenden Wahlen wieder verloren, wurde dieser Beschluss wieder aufgehoben. Die Nationalsozialisten machten den 1. Mai ab 1933 als „Tag der deutschen Arbeit“ scheinheilig wieder zum Staatsfeiertag – und begannen gleich darauf am 2. Mai 1933 mit der Zerschlagung der Gewerkschaften und der unabhängigen Arbeiter_innenorganisationen.
In der Bundesrepublik Deutschland ist der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ seit dem Krieg zwar auch ein offizieller Staatsfeiertag. Doch der Ursprung und Sinn des Ganzen wird dabei völlig verdreht – auch von den DGB-Gewerkschaften. Es kann für uns nicht darum gehen, die Lohnarbeit und die damit verbundene Ausbeutung zu feiern. Statt dessen sollte es darum gehen, für eine Gesellschaft einzutreten, in der wir Arbeiter_innen den Reichtum, den wir tagtäglich produzieren, endlich selbst behalten können und nicht an die Besitzenden abtreten müssen. Gerade in der jetzigen Wirtschaftskrise zahlen wir die Zeche für das Versagen des Kapitalismus, ob nun unsere Gehälter gekürzt werden, soziale Rechte und Leistungen abgebaut werden, oder ob wir gleich arbeitslos werden. Der verheerenden kapitalistischen Logik müssen gerade am 1. Mai Werte wie Freiheit, Solidarität, Gleichheit und radikale Demokratie entgegengehalten werden, um die Ausbeutung eines großen Teils der Menschheit endlich zu beenden. Nur mit der vereinten Kraft von uns allen, ob schwarz oder weiß, Mann oder Frau, alt oder jung, fest oder auf Leihbasis angestellt, erwerbstätig oder arbeitslos, kann sich einmal wirklich etwas ändern! Beteiligen wir uns in diesem Sinne alle gemeinsam an den Aktivitäten zum 1. Mai in München, um ein starkes Zeichen zu setzen!

Blick über den Tellerrand

Zum ersten Mai wieder ein paar Texte zu verschiedenen Themen rund um das Thema Arbeit und Leben.

„Wir müssen aussortieren.“ – Helios will Stellen abbauen

Das hat ja lange gedauert. Am 28.2.2014 verkündete die Helios GmbH die vollzogene Übernahme von 38 Rhön-Kliniken und 11 Rhön-MVZ (Medizinische Versorgungszentren). Einen Tag später, am 1.3.2014, erklärte Helios-Chef Francesco DeMeo gegenüber der FAZ, dass geplant sei, Stellen abzubauen. Und zwar in der Regionalverwaltung.
Bereits Anfang Dezember hieß es, Helios wolle seine Gewinnspanne von 8 auf 15% fast verdoppeln, um das für die übernommene Rhön ausgegebene Geld wieder reinzuholen. Die Frage nach dem wie ist nun beantwortet und wenig überraschend.
3,07 Milliarden Euro hat sich die Fresenius-Tochter Helios die Übernahme der Rhön Klinikum AG kosten lassen. Damit ist Helios der europaweit größte Klinikkonzern. Zwei Rhön-Kliniken in Salzgitter und Wiesbaden sollen noch dazu kommen. Dort steht die Zustimmung von Mitgesellschaftern noch aus. Konkrete Pläne für den Stellenabbau „in kleinem Maße“ gebe es noch nicht, da man sich die Kliniken bislang nicht im Detail habe anschauen können. Das klingt wenig beruhigend. Auch die Aussage, dass es in Deutschland zu viele Krankenhäuser gebe. DeMeo: „Wir müssen aussortieren.“

Mehr in der neusten Ausgabe der Betriebsgruppe am Klinikum in Dachau:
http://betriebsgruppen.de/bgak/index.html

Eingangstürensuche – Ein Besuch bei der selbstverwalteten Baustofffabrik VIO.ME in Thessaloniki

Lauwarm schlägt uns der Fahrtwind entgegen, während wir durch eine Mischung aus Industrie- und Gewerbegebiet am Rande Thessalonikis fahren und Ausschau nach IKEA halten. Dort in der Nähe sollen wir die besetzte und selbstverwaltete VIO.ME-Fabrik finden. Ein kleines verrostetes Schild an einer Ecke verweist uns glücklicherweise auf VIO.ME. Wir fahren vorbei an kleinen Wohnhäuschen, kleinen, offenbar bestellten Feldern und immer mal wieder kleineren verrosteten Fabrikanlagen. Eine andere Art Industriegebiet, als man das vielleicht kennt. Wir kurven suchend um eine größere Fabrikanlage, an welcher wir zwar einen Parkplatz mit dem Schriftzug VIO.ME entdecken können, nicht aber einen Eingang. An anderer Stelle des Geländes befindet sich ein Pförtner, der uns erklärt, dass verschiedene Firmen (drei verschiedene Produktionszweige und damit drei verschiedene Firmen) auf diesem Gelände arbeiten und wir zu dem Parkplatz zurückkehren sollten. Dort parken wir und suchen nach einem Eingang. Ein provisorisch aussehendes Tor soll doch wohl nicht der Werkseingang sein? Wir rufen einen der Arbeiter direkt an und er holt uns am Parkplatz ab. Und doch: Es ist das Werkstor, der Eingang zur Welt von VIO.ME – ein provisorisch errichtetes eigenes Werkstor. Später werden wir auch die Geschichte dazu hören, wie das neue Werkstor errichtet worden ist, und was es mit den drei (Tochter-)Firmen auf sich hat.

Hier weiterlesen: www.labournet.de

Für ein Leben ohne Chefs!

Aktion In Istanbul halten TextilarbeiterInnen ihre Fabrik besetzt und produzieren Pullover auf eigene Rechnung

Seit mehr als 200 Tagen leisten 94 ArbeiterInnen der Kazova-Textilfabrik in Istanbul Widerstand. Am 31. Januar 2013 wurden sie für eine Woche in unbezahlten Urlaub geschickt – danach fanden sie eine leergeräumte Fabrik vor. Da ihnen vier Monate lang kein Lohn gezahlt worden war, blieb nur der Kampf für die eigenen Rechte.
»Das ist ein Produkt des Kazova-Widerstandes!« – mit diesem Etikett versehen die ArbeiterInnen der besetzten Textilfabrik ihre selbstproduzierten Pullover. Am 31. August fand der Übergang von der Besetzungsphase in die Produktionsphase statt. Die Fabrik liegt nicht weit vom Taksim-Platz, in einer Gegend, wo sich die Produktionswerkstätten mehrerer Firmen befinden. Geschmückt ist die Fabrik mit Bannern: »Wir werden uns nicht von den Inhabern der Kazova-Textilfabrik, Ümit Somuncu und Mustafa Somuncu, ausbeuten lassen«.

Der gesamte Text: http://www.workerscontrol.net/de/authors/fuer-ein-leben-ohne-chefs

Was passiert in Bosnien?

Seit Beginn der jüngsten Auseinandersetzungen in Bosnien wurde ich von vielen westlichen Genossen gefragt, was eigentlich gerade passiert und welchen Charakter die Bewegung hat. Anfangs wollte ich nichts zu Bosnien sagen, da ich nicht genug Informationen habe, um eine tiefergehenden Analyse zu leisten. Dieser Artikel ist deshalb eher eine kurze Einschätzung. Also, was ist los in Bosnien ?

Vom Arbeiterkampf zu Riots
Alles begann in Tuzla mit Demonstrationen der ArbeiterInnen von fünf Fabriken: Dita, Polihem, Poliolhem, GUMARA und Konjuh. Die ArbeiterInnen protestierten gegen die Privatisierung der Firmen, die zu Konkurs und Aussperrung führten. Bis zu diesem Punkt war es eine weitere typische Arbeitererfahrung [workers‘ story] in Ex-Jugoslawien. Solche Fälle sind sehr verbreitet. Aber die ArbeiterInnen ließen sich nicht unterkriegen. Deshalb griff die Polizei ein und verprügelte und verhaftete viele ArbeiterInnen. Dieser Polizeieinsatz war der Funke, der aus den Protesten einen Steppenbrand machte.
Am 7. Februar war ganz Bosnien auf den Beinen, um gegen die korrupte Regierung, die Arbeitslosigkeit und die allgemeine soziale Situation zu protestieren. In Tuzla gab die Polizei den Demonstranten nach und ließ die Massen die Gebäude stürmen. Die Demonstranten brannten das Tuzlaer Rathaus und die Stadtverwaltung nieder. Die ArbeiterInnen der fünf Fabriken stellten in Tuzla ihre Forderungen:
1. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung durch die Zusammenarbeit von Bürgern, Polizei und Katastrophenschutz, um jegliche Kriminalisierung , Politisierung und Manipulation der Proteste zu vermeiden.
2. Den Aufbau einer technischen Regierung, die sich aus professionellen, nicht parteigebundenen, nicht kompromittieren Menschen zusammensetzt, die bisher kein Mandat auf einer Ebene der Regierung hatten. Diese soll den Kanton Tuzla bis zur Wahl 2014 führen. Diese Regierung verpflichtet sich, Wochenpläne aufzustellen und über ihre Tätigkeit und den Fortschritt im Erreichen der  angestrebten Ziele zu berichten. Die Arbeit der Regierung soll von allen interessierten Bürgerinnen und Bürgern überwacht werden.
3. In einem Dringlichkeitsverfahren soll Ordnungsmäßigkeit der Privatisierung der folgenden Unternehmen überprüft werden: Dita, Polihem, Poliolhem, GUMARA und Konjuh. Außerdem:
Festsetzung der Dauer der Produktion und garantierte Gesundheitsversorgung der ArbeiterInnen;
Verfolgung der Wirtschaftsverbrecher und aller anderen Beteiligten;
Beschlagnahme illegal erworbenen Vermögens;
Aufhebung der Privatisierungsverträge;
Rücknahme der Privatisierungen;
Rückgabe der Fabriken an die die ArbeiterInnen, Übergabe der Kontrolle an öffentliche Behörden, die das öffentliche Interesse schützen, und Wiederaufnahme der Produktion in diesen Fabriken, wo es möglich ist.
4. Begrenzung der Gehälter der Regierungsvertreter auf die Gehälter der Beschäftigten im öffentlichen und privaten Sektor .
5. Abschaffung der zusätzlichen Zahlungen an Vertreter der Regierung, uns zwar sowohl persönliche Einkünfte für die Teilnahme an Kommissionen , Ausschüssen und anderen Gremien, als auch andere unvernünftige und ungerechtfertigte Vergütungen die ArbeiterInnen im öffentlichen und Privatsektor nicht haben.
6. Die Abschaffung der Fortzahlung der Bezüge an MinisterInnen und möglicherweise auch andere Regierungsbeamte nach Ende ihres des Mandats.
In Sarajevo zündeten Demonstranten die Hauptquartiere der Präsidentschaft von Bosnien und Herzegowina sowie der Katonsregierung von Sarajewo an; außerdem verschiedene Autos. Die Fenster die Hypo Bank wurden zerschlagen, das Archiv von Bosnien und Herzegowina fing Feuer, Teile der Bestände wurden zerstört. Der Brand war Zufall und nicht, wie die Medien behaupteten, Absicht. Die Medien haben diesen Vorfall verwendet, um die Demonstrationen zu diskreditieren.
In Mostar stürmten Demonstranten den Sitz der Kantonalregierung von Herzegowina-Neretva und brannten ihn nieder. Danach zündeten sie den Sitz der Stadtverwaltung und die Büros der Kroatisch-Demokratischen Union (Hrvatska demokratska zajednica, HDZ) und der Partei der Demokratischen Aktion (Stranka demokratske akcije, SDA) an. Die Polizei griff nicht ein, da der Posten des regionalen Polizeidirektors seit ein Monaten nicht besetzt ist. Nur er kann die Spezialeinheiten einschalten. An diesen Demonstrationen haben Demonstranten von »beiden Seiten des Flusses« (sowohl Bosniaken und Kroaten) teilgenommen.
In Zenica stürmten DemonstrantInnen das Büro des Bürgermeisters. Er bot seinen Rücktritt an, wenn das helfen würde, die Krise zu lösen. Auch der Ministerpräsident des Kantons Tuzla Sead Čaušević bot seinen Rücktritt an. War das ein erster Sieg für die Bewegung?
Laut der kroatischen Zeitung Jutarnji List wurden bei den Protesten in Sarajevo 93 Menschen verletzt, davon 73 Polizisten und 20 Zivilisten. Insgesamt ging die Polizei sehr hart vor, das war ein Auslöser für diese Unruhen. Es gibt zahlreiche Videos von Polizisten, die Leute verprügeln oder in den Fluss werfen. Einige Politiker der Europäischen Union drohten eine bewaffnete Intervention an, wenn die Unruhen nicht gestoppt werden. Das ist keine leere Drohung, Himzo Selimovic, der Direktor zur Koordinierung der Polizeieinheiten in der Bosnischen Föderation, fragte eine bewaffnete Intervention der EU und der internationalen Gemeinschaft an, falls die Ausschreitungen weiter gehen. Danach bot er seinen Rücktritt an. Weiter ist wichtig, dass die russische Regierung die EU für die Verurteilung der Unruhen angriff und Bosnien dazu verwendete, um den Fokus noch einmal auf die Unterstützung der Unruhen in der Ukraine durch die EU zu bringen. Werden wir wirklich eine bewaffnete Intervention in Bosnien erleben?
Viele Menschen waren von dem Ausbruch an Wut und Gewalt in so kurzer Zeit überrascht. Aber ist es wirklich überraschend, nach dem »arabischen Frühling«, Griechenland und anderen ähnlichen Kämpfen in letzter Zeit? Dass sich vor allem junge Menschen an den Riots beteiligten, ist nicht überraschend, bei einer jungen Generation, die in Ex-Jugoslawien buchstäblich keine Zukunft hat.
Außerdem war es keine sinnlose Gewalt. Die Demonstranten griffen nur die Symbole der Korruption und der Macht an. Also Orte, die für ihre Situation verantwortlich sind. Die Unruhen hörten dann auf, aber Kampf ging weiter – jetzt in anderen Formen.

Ein kurzer Kommentar zur Berichterstattung
Während der Unruhen versuchten die bosnischen Medien, die Demonstranten als wilden Haufen von Hooligans und Vandalen hinzustellen, die nicht die Unterstützung der bosnischen Bürger haben. Das verbrannte Archivs half ihnen, dieses Bild zu malen. Al Jazeera – eines der wichtigsten Medienunternehmen – riet den Bürgern: »Verlasst das Haus nur, wenn es nötig ist!« Es gab Interviews mit Gewerkschaftern, die die Polizei aufriefen, sich besser zu organisieren, um die Randale zu beenden. Ziel war es, die Behauptung, dass die Unruhen durch Arbeiter gestartet wurden, zu diskreditieren.
Die serbischen und kroatischen Medien versuchten, die Unruhen als bosnische Verschwörung darzustellen. Nur die wenigen links-liberalen Medien berichteten objektiv oder zeigten sogar Sympathie für die Proteste. Außerdem sind in den Protesten eine Menge Facebook-Gruppen entstanden, die versuchen, eine »Alternative« zu den Mainstreammedien zu bieten.

Zum weiterlesen auf diese Seite gehen: http://www.wildcat-www.de/aktuell/a097_bosnien.html

Termine:

Streik: 28.4.-2.5.14 – weitersagen, mitmachen!

1. Mai:
- 9:30 Uhr DGB Demo vor dem Gewerkschaftshaus (Schwanthalerstraße 64, U4/5 Theresienwiese), kommt in den antikapitalistischen Block im hinteren Teil der Demo.
- Danach Kundgebung der FAU am Rindermarkt (Infos bald HIER)